Are you lost?

Der Herr im BMW

"Are you lost?" ("Haben Sie sich verfahren?") Kaum, dass wir angehalten hatten und uns über die Karte beugten, hielt ein freundlicher älterer Herr neben uns an und kurbelte das Seitenfenster seines BMW her­unter. Nein, verfahren hatten wir uns nicht. Wir standen nur an einer Weggabelung bei Gilsland (Nordengland) um die weitere Stre­cke zu unserem Tagesziel Brampton festzu­legen. Die Erfahrung war nicht neu für uns: Sobald man anhält, um sich zu orientieren zieht man als Radler die hilfsbereiten Einheimischen geradezu an.

"Wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen dürfte," ließ sich der ältere Herr wieder vernehmen, " dann nehmen Sie ein Stück die B 6318 und biegen dann auf die unklassifizierte Straße ab, die direkt zum Hadrianswall führt. Eine malerische Stre­cke!"
Zum Hadrianswall
Unseren Einwand, daß es laut Karte dort starke Steigungen gebe, ließ er nicht gelten. " Das ist bloß am Anfang so. Später ist alles eben." Da die andere Alternative ge­wesen wäre auf der vielbefahrenen A 69 zu radeln, folgten wir dem Vorschlag und füll­ten bald den Begriff "Radwandern" mit neuem Leben. Das, was für den Fahrer einer PS-starken Limousine wie eine ebene Straße aussieht, wird für zwei Radler auf einem schwer bepackten Tandem zur Schwerstarbeit. Achtzig Kilo Gerät und Ausrüstung wollen bewegt werden. Dafür entschädigte die Strecke wirklich mit spekta­kulären Ausblicken über die englisch-schotti­sche Grenzlandschaft. Kilometerlang folgte die Straße dem Verlauf des Grenzwalles, mit dessen Bau im Jahre 122 n.Chr. auf Befehl des römischen Kaisers Hadrian (*76; + 138) durch Soldaten aller drei auf der britischen Insel stationierten Legionen begonnen wurde und der seinen Namen trägt.

Ursprünglich zwischen 4 und 5 Metern hoch und ca. 3 Meter breit verlief der Wall, versehen mit 80 Toren im Abstand von je einer römischen Meile zu einander von Maia (heute: Bowness-on-Solway) an der Westküste vorbei an Lu­guvalium (heute: Carlisle) und Pons Aelius (heute: Newcastle) nach Segedunum (heute: Wallsend) an der Nordseeküste. Genauso wie im Norden des Reiches mit den Germanen war es den Römern nämlich nicht gelungen, die wilden Stämme der Pikten , so genannt wegen ihrer Körperbemalung (lat:picti - die Bemalten), die seinerzeit die schottische Ur­einwohnerschaft bildeten, zu befrieden, viel weniger gar ihr Land zu erobern. Im Gegen­teil - um vor Überfällen der Pikten einigermaßen sicher zu sein, wurde der Hadrianswall zur bestfestigten Grenze des römischen Reiches ausgebaut. Seine Über­reste stehen seit 1987 als Weltkulturerbe un­ter dem Schutz der UNESCO.

Ärger mit dem Radweg
Ein anderes Bauwerk neueren Datums wird dieses Status vermutlich nie erreichen: Es handelt sich um den Radweg Nr. 72, der vom National Cyc­ling Network (NCN) als durchgehender Fernradweg von Küste zu Küste konzipiert wurde. Mag die Idee dazu auch noch so löblich sein, die Planung und ihre Ausführung sind es nicht. Bereits im Fährhafen von Ijmuiden (Niederlande) kamen wir ins Gespräch mit einem englischen Ehepaar, das in der Nähe von Hexham wohnte und uns von dem neueröffneten Radweg vorschwärmte und uns unbedingt dessen Benutzung empfahl. Schon im Hafen von Newcastle begann die Beschilderung und so nahmen wir frohen Mutes die ersten Kilometer unter die Räder.

Diese führten zunächst großräumig, aber verkehrsfrei um Newcastle herum, und bald fühlten wir uns wie zu Hause: Der Weg war in schlechtem Zustand, mit Scherben übersät und streckenweise alle paar hundert Meter  mit Durchfahrtsperren der massiven Art versehen, die ein Durchkommen unmöglich machten. Hier hieß es jedes Mal: Rad abladen, Anhänger abkoppeln und über das Hindernis heben, da­nach alles wieder retour – bis zur nächsten Sperre. Nach welchen Kriterien – außer denen, die Radfahrer möglichst fernab vom Verkehrsgeschehen in die Pampa zu schicken - hier geplant und gebaut wurde, blieb uns ein Rätsel. Jedenfalls hatten wir nach der fünften Schikane genug: Wir verließen den Radweg und setzten fortan unsere Reise auf der Straße fort.

Radfahren ist auf der britischen Insel nicht sehr populär, - Alltagsradler sahen wir kaum jemals - und dementsprechend gibt es auch so gut wie keine Infastruktur für Radler.  Man ist gezwungen, auf der Straße mit dem motorisierten  Verkehr zu fahren (Oder auf eigens angelegten „Radwegen“, s.o.). Obwohl die Briten in aller Regel rücksichtsvolle Fahrer sind, ist dies nicht immer ein Vergnügen. Nach Möglichkeit sollte man Straßen, die mit „A“ klassifiziert sind und unseren Bundesstraßen gleichkommen, meiden. „B“-Straßen sind schon weniger verkehrsbelastet, aber am unbeschwertesten lässt es sich auf unklassifizierten Straßen radeln, die allerdings meistens die Eigenart haben, dem Geländeprofil zu folgen, es geht also stetig auf und ab.

Touristenfalle 

Unvermeidlich führt der Weg nach  Westen in eine Touristenfalle allererster Güte: Die Hoch­zeitsschmiede von Gretna Green. Schon von weitem hören wir die Dudelsackklänge, die ein „Berufsschotte“ seinem Instrument ent­lockt, nicht weniger als fünf verschiedene Läden mit schottischen Devotionalien aller Art sollen die Besucher um ihre Pfunde er­leichtern. Von der Stätte, an der einst Ehen vom Schmied über dem Amboss „geschmiedet“ wurden und wo manch min­derjährige Braut nach schottischem Recht  zur Ehefrau wurde, blieb nur ein gigantisches Kommerzspektakel, das täglich von vielen Busladungen Touristen auf der Suche nach dem letzten Rest Romantik bevölkert wird.

Bei der Weiterfahrt durch den Ort Gretna kamen jedenfalls alles andere als romantische Gefühle auf: Nach unserem Eindruck ist der Ort schäbig und heruntergekommen, ein Ur­teil, das auch auf so manche andere englische oder schottische Ortschaft passt.

  

                                                                                     

Auld lang Syne

 Nicht nur in Großbritannien und den USA, sondern auch in vielen anderen anglophonen Ländern rund um den Globus wird zu jedem Jahreswechsel ein Lied angestimmt, das zu den populärsten Melodien überhaupt gezählt werden muß und an dessen spätmittelalterli­che europäische Wurzeln allenfalls noch die merkwürdige Schreibweise erinnert: Auld Lang Syne. Robert Burns (1759 – 1796), als Poet und Li­terat so etwas wie ein schottisches Nationalheiligtum, schrieb im 18. Jahrhundert viele hundert Gedichte , Balla­den und Lieder in schottischer Volkssprache auf, die Jahrhunderte zuvor nur durch münd­liche Überlieferung weitergegeben worden waren. Nur ein Stück unter vielen war dabei „Auld Lang Syne“, das sich Burns, der als Steuereinnehmer sein Dasein fristete und dementsprechend viel herumkam, nach eige­nen Angaben von einem alten Bauern hat vorsingen lassen und 1788 zu Papier brachte. Dem Alkohol und den Damen nicht abgeneigt, starb er 1796im Alter von nur 37 Jahren verarmt in Dumfries. Sein letztes dorti­ges Wohnhaus wird von ei­nem Verein liebe­voll gepflegt und ist als Museum zugänglich. Auch für nicht Litera­turbeflissene ist es unmöglich, durch Dumfries und Galloway zu radeln, ohne Ro­bert Burns zu begegnen, gab sich die Graf­schaft doch selbst den Beinamen „Burns Country“.


Gegen den ständigen Westwind führt uns die Reise durch ein Stück Bilderbuchschottland mit Hügeln, mal bewaldet, mal mit Schafen gesprenkelt, und an der Küste mit weiten Buchten und einsamen, aber dennoch be­wohnten Inseln entlang. In Stranraer wartet  die Schnellfähre, die uns über Loch Ryan und die Irische See nach Belfast bringen wird.

 

In Nordirland

1177 wurde Belfast als normannische Burg gegründet. Der Name leitet sich vom irischen Béal Feirste her, was übersetzt „Mündung des Farset“ bedeutet. Dieser Fluss ist heute nicht mehr sichtbar und verläuft unterhalb der Bridge Street. Belfast empfängt uns mit  einer grandiosen Aussicht auf das größte Trockendock der Welt, welches der Werft Harland and Wolff gehört. Hier lief Anno 1911 die „Titanic“ vom Stapel, das seinerzeit größte Passagierschiff der Welt, welches durch die allseits bekannte Havarie mit ei­nem Eisberg traurige Berühmtheit erlangte. Harland and Wolff beschäftigt heute noch ca. 3000 Mitarbeiter und ist der größte Arbeitge­ber der 270.000 Einwohner zählenden Haupt­stadt Nordirlands. 

Belfast unterscheidet sich in seiner Geschäftigkeit in nichts von  ande­ren europäischen Großstädten. Lediglich  die an strategischen Stellen als Stadtmöblierung getarnten und jederzeit wieder ausfahrbaren Absperrgitter zeugen noch von den „Trou­bles“. 

Auf der Suche nach  der Tourist Information beu­gen wir uns mal wieder über den Stadtplan. „Are you lost?“ Diesmal ist es eine freundli­che Dame mittleren Alters, die uns anspricht und nach den obligatorischen Fragen nach dem woher und wohin den Weg erklärt. In der Tourist Information erstehen wir eine Karte von Ostirland und kehren der Groß­stadt dann schleunigst den Rücken.


Unkontrollierter Grenzübertritt

Bei Newry überqueren wir die Grenze zur Republik Irland. Kein Posten kontrolliert uns, nichts ist mehr zu sehen von Absperrungen. Der Übertritt geschieht un­merklich. Ledig­lich an den veränderten  Verkehrszeichen registrieren wir, dass wir uns nicht mehr im Reich Ihrer Majestät, der Königin, befinden.

Die Landschaft wird nun lieblicher, weist kaum noch nennenswerte Steigungen auf und ist, wie man es in Irland erwartet, über alle Maßen grün. Von Dundalk an der Ostküste folgen wir nun weitgehend dem im Jahr 2002 gänzlich neu angelegten und ausgeschilderten Radweg „Táin Trail", der über Ardee ,Mullingar und Kells nach Athlone am Shan­non führt, um in Roscommon zu enden.  Er berührt viele historische Plätze, die in Ver­bindung mit der Sage um die streitbare Köni­gin Maeve gebracht werden. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Radfahrweg, vielmehr wird die Strecke hauptsächlich über verkehrsarme Nebenstraßen (diesmal ohne Hindernisse) ge­führt. Nach der Überquerung des Shannon ändert sich die Landschaft ein weiteres Mal. Die grünen, von Kühen bevölkerten und durch Hecken voneinander abgetrennten  Weiden werden nun abgelöst durch eine weite Moorlandschaft, in denen lediglich die genügsameren Schafe zwischen Steinmauern ihr Auskommen finden.


Schließlich ist in Galway, der mit 60.000 Einwohnern größten Stadt im Westen Ir­lands, die Atlantikküste erreicht. Galway ist das geschäftige Zentrum der Region und ver­fügt, im Gegensatz zu den meisten anderen irischen Städten, über eine ausgedehnte Fuß­gängerzone. Mangels eines nennenswerten öffentlichen Nahverkehrs und dank des iri­schen  Wirtschaftsbooms bildet sich jedoch in der Stadt von morgens bis abends ein permanenter Verkehrsstau.

The Quiet Man

Die letzte Etappe der Tour führt uns nach Cong, ein völlig unbeutendes, um nicht zu sagen verschlafenens Nest, hätte 1951 John Wayne hier nicht zusammen mit Maureen O’Hara unter der Regie von John Ford, des­sen Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts aus Spiddle, County Galway, nach Amerika auswanderten, den Film „The Quiet Man“ (Deutscher Titel: „Der Sieger“) gedreht. Die Dörfler haben es verstanden, diese Tatsache geschickt zu vermarkten und so lebt der ganze Ort quasi vom Ruhm vergangener Tage, der im „Quiet Man Museum“, dem „Quiet Man Café“ und in der nun zum An­denkenladen mutierten „Pat Cohan’s Bar“ konserviert wurde. Der Film selbst ist eine für John Wayne ganz und gar untypische Liebesschmonzette, der allein wegen der Landschaftsaufnahmen, die in der Umgebung gemacht wurden, für den geneigten Betrachter dennoch sehenswert ist.


Panne

In Cong trennen uns nun noch ungefähr 40 Kilometer von unserem Endziel Castlebar, von wo aus die Rückreise per Reisebus nach Köln erfolgen soll. Fünf Kilometer hinter Ballinrobe ereilt uns dann am vorletzten Reisetag doch noch das Schicksal, das uns bisher weitgehend mit Pannen verschont hatte: Die Nabenschaltung unseres Tandems gab ihren Geist auf! Nichts ließ sich mehr schalten, die Pedalkurbeln waren blockiert. Einzig schieben brachte uns noch vom Fleck. Ersatzteile für eine derart „exotische“ Antriebsart sind in Irland nicht zu bekommen.


Murphy's Law

Zurück in Ballin­robe naht unter Vermittlung der dortigen Tou­rist Infor­mation die Rettung in Gestalt des Ta­xifahrers Timothy Murphy. Erst wird das Fahr­rad in der Garage eines Verwandten unterge­stellt, danach werden wir zum von ihm ver­mittelten Bed &Breakfast-Quartier chauffiert. Am anderen Morgen bringt er uns dann unter Einsatz eines von einem Bekannten ausgelie­henen Pkw-An­hänger pünktlich nach Castlebar und läßt es sich dabei nicht nehmen, unterwegs noch den Fremdenführer zu geben, was in ei­ner Besich­tigung der am Wege liegenden Bal­lintober Ab­bey („Pierce Brosnan got married here!“) im Sauseschritt gipfelte.




Stressfreie Heimfahrt

Eine dreiviertel Stunde vor der „fahrplanmäßigen“ Zeit wartete der Bus in der Nähe des Bahnhofs von Castlebar. Schnell wa­ren Tandem und Ausrüstung im Busanhänger verstaut und los ging’s mit uns als einzigen Passagieren an Bord. Ein routinierter Fahrer und eine ebensolche  Fahrerin wechselten sich turnusmäßig am Lenkrad ab und sorgten trotz Nachtfahrt durch England  für eine stressfreie Rückreise.


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