
Der Herr im BMW
"Are you lost?" ("Haben Sie sich
verfahren?") Kaum, dass wir angehalten hatten und uns über die Karte
beugten, hielt ein freundlicher älterer Herr neben uns an und kurbelte das
Seitenfenster seines BMW herunter. Nein, verfahren hatten wir uns nicht. Wir
standen nur an einer Weggabelung bei Gilsland (Nordengland) um die weitere Strecke
zu unserem Tagesziel Brampton festzulegen. Die Erfahrung war nicht neu für
uns: Sobald man anhält, um sich zu orientieren zieht man als Radler die
hilfsbereiten Einheimischen geradezu an.
Ursprünglich zwischen 4 und 5 Metern hoch und ca. 3
Meter breit verlief der Wall, versehen mit 80 Toren im Abstand von je einer
römischen Meile zu einander von Maia (heute: Bowness-on-Solway) an der
Westküste vorbei an Luguvalium (heute: Carlisle) und Pons Aelius (heute:
Newcastle) nach Segedunum (heute: Wallsend) an der Nordseeküste. Genauso wie im
Norden des Reiches mit den Germanen war es den Römern nämlich nicht gelungen,
die wilden Stämme der Pikten , so genannt wegen ihrer Körperbemalung (lat:picti
- die Bemalten), die seinerzeit die schottische Ureinwohnerschaft bildeten, zu
befrieden, viel weniger gar ihr Land zu erobern. Im Gegenteil - um vor
Überfällen der Pikten einigermaßen sicher zu sein, wurde der Hadrianswall zur
bestfestigten Grenze des römischen Reiches ausgebaut. Seine Überreste stehen
seit 1987 als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO.
Diese führten zunächst großräumig, aber verkehrsfrei um
Newcastle herum, und bald fühlten wir uns wie zu Hause: Der Weg war in
schlechtem Zustand, mit Scherben übersät und streckenweise alle paar hundert
Meter mit Durchfahrtsperren der massiven
Art versehen, die ein Durchkommen unmöglich machten. Hier hieß es jedes Mal:
Rad abladen, Anhänger abkoppeln und über das Hindernis heben, danach alles
wieder retour – bis zur nächsten Sperre. Nach welchen Kriterien – außer denen,
die Radfahrer möglichst fernab vom Verkehrsgeschehen in die Pampa zu schicken -
hier geplant und gebaut wurde, blieb uns ein Rätsel. Jedenfalls hatten wir nach
der fünften Schikane genug: Wir verließen den Radweg und setzten fortan unsere
Reise auf der Straße fort.
Radfahren ist auf der britischen Insel nicht sehr
populär, - Alltagsradler sahen wir kaum jemals - und dementsprechend gibt es
auch so gut wie keine Infastruktur für Radler.
Man ist gezwungen, auf der Straße mit dem motorisierten Verkehr zu fahren (Oder auf eigens angelegten
„Radwegen“, s.o.). Obwohl die Briten in aller Regel rücksichtsvolle Fahrer
sind, ist dies nicht immer ein Vergnügen. Nach Möglichkeit sollte man Straßen,
die mit „A“ klassifiziert sind und unseren Bundesstraßen gleichkommen, meiden.
„B“-Straßen sind schon weniger verkehrsbelastet, aber am unbeschwertesten lässt
es sich auf unklassifizierten Straßen radeln, die allerdings meistens die
Eigenart haben, dem Geländeprofil zu folgen, es geht also stetig auf und ab.
Touristenfalle
Unvermeidlich führt der Weg nach Westen in eine Touristenfalle allererster
Güte: Die Hochzeitsschmiede von Gretna Green. Schon von weitem hören wir die
Dudelsackklänge, die ein „Berufsschotte“ seinem Instrument entlockt, nicht
weniger als fünf verschiedene Läden mit schottischen Devotionalien aller Art
sollen die Besucher um ihre Pfunde erleichtern. Von der Stätte, an der einst
Ehen vom Schmied über dem Amboss „geschmiedet“ wurden und wo manch minderjährige
Braut nach schottischem Recht zur
Ehefrau wurde, blieb nur ein gigantisches Kommerzspektakel, das täglich von
vielen Busladungen Touristen auf der Suche nach dem letzten Rest Romantik
bevölkert wird.
Bei der Weiterfahrt durch den Ort Gretna kamen
jedenfalls alles andere als romantische Gefühle auf: Nach unserem Eindruck ist
der Ort schäbig und heruntergekommen, ein Urteil, das auch auf so manche
andere englische oder schottische Ortschaft passt.
Auld lang Syne
Nicht nur in
Großbritannien und den USA, sondern auch in vielen anderen anglophonen Ländern
rund um den Globus wird zu jedem Jahreswechsel ein Lied angestimmt, das zu den
populärsten Melodien überhaupt gezählt werden muß und an dessen
spätmittelalterliche europäische Wurzeln allenfalls noch die merkwürdige
Schreibweise erinnert: Auld Lang Syne. Robert Burns (1759 – 1796), als Poet und
Literat so etwas wie ein schottisches Nationalheiligtum, schrieb im 18.
Jahrhundert viele hundert Gedichte , Balladen und Lieder in schottischer
Volkssprache auf, die Jahrhunderte zuvor nur durch mündliche Überlieferung
weitergegeben worden waren. Nur ein Stück unter vielen war dabei „Auld Lang
Syne“, das sich Burns, der als Steuereinnehmer sein Dasein fristete und
dementsprechend viel herumkam, nach eigenen Angaben von einem alten Bauern hat
vorsingen lassen und 1788 zu Papier brachte. Dem Alkohol und den Damen nicht
abgeneigt, starb er 1796im Alter von nur 37 Jahren verarmt in Dumfries. Sein
letztes dortiges Wohnhaus wird von einem Verein liebevoll gepflegt und ist
als Museum zugänglich. Auch für nicht Literaturbeflissene ist es unmöglich,
durch Dumfries und Galloway zu radeln, ohne Robert Burns zu begegnen, gab sich
die Grafschaft doch selbst den Beinamen „Burns Country“.
Gegen den ständigen Westwind führt uns die Reise durch
ein Stück Bilderbuchschottland mit Hügeln, mal bewaldet, mal mit Schafen
gesprenkelt, und an der Küste mit weiten Buchten und einsamen, aber dennoch bewohnten
Inseln entlang. In Stranraer wartet die
Schnellfähre, die uns über Loch Ryan und die Irische See nach Belfast bringen
wird.
1177 wurde Belfast als normannische Burg gegründet. Der
Name leitet sich vom irischen Béal Feirste her, was übersetzt „Mündung des
Farset“ bedeutet. Dieser Fluss ist heute nicht mehr sichtbar und verläuft
unterhalb der Bridge Street. Belfast empfängt uns mit einer grandiosen Aussicht auf das größte
Trockendock der Welt, welches der Werft Harland and Wolff gehört. Hier lief
Anno 1911 die „Titanic“ vom Stapel, das seinerzeit größte Passagierschiff der
Welt, welches durch die allseits bekannte Havarie mit einem Eisberg traurige
Berühmtheit erlangte. Harland and Wolff beschäftigt heute noch ca. 3000
Mitarbeiter und ist der größte Arbeitgeber der 270.000 Einwohner zählenden
Hauptstadt Nordirlands.
Belfast unterscheidet sich in seiner Geschäftigkeit in
nichts von anderen europäischen
Großstädten. Lediglich die an
strategischen Stellen als Stadtmöblierung getarnten und jederzeit wieder
ausfahrbaren Absperrgitter zeugen noch von den „Troubles“.
Auf der Suche nach
der Tourist Information beugen wir uns mal wieder über den Stadtplan.
„Are you lost?“ Diesmal ist es eine freundliche Dame mittleren Alters, die uns
anspricht und nach den obligatorischen Fragen nach dem woher und wohin den Weg
erklärt. In der Tourist Information erstehen wir eine Karte von Ostirland und
kehren der Großstadt dann schleunigst den Rücken.
Bei Newry überqueren wir die Grenze zur Republik
Irland. Kein Posten kontrolliert uns, nichts ist mehr zu sehen von
Absperrungen. Der Übertritt geschieht unmerklich. Lediglich an den
veränderten Verkehrszeichen registrieren
wir, dass wir uns nicht mehr im Reich Ihrer Majestät, der Königin, befinden.
Die Landschaft wird nun lieblicher, weist kaum noch
nennenswerte Steigungen auf und ist, wie man es in Irland erwartet, über alle
Maßen grün. Von Dundalk an der Ostküste folgen wir nun weitgehend dem im Jahr
2002 gänzlich neu angelegten und ausgeschilderten Radweg „Táin Trail", der
über Ardee ,Mullingar und Kells nach Athlone am Shannon führt, um in Roscommon
zu enden. Er berührt viele historische
Plätze, die in Verbindung mit der Sage um die streitbare Königin Maeve
gebracht werden. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Radfahrweg, vielmehr wird die Strecke
hauptsächlich über verkehrsarme Nebenstraßen (diesmal ohne Hindernisse) geführt.
Nach der Überquerung des Shannon ändert sich die Landschaft ein weiteres Mal.
Die grünen, von Kühen bevölkerten und durch Hecken voneinander
abgetrennten Weiden werden nun abgelöst
durch eine weite Moorlandschaft, in denen lediglich die genügsameren Schafe
zwischen Steinmauern ihr Auskommen finden.
Schließlich ist in Galway, der mit 60.000 Einwohnern
größten Stadt im Westen Irlands, die Atlantikküste erreicht. Galway ist das
geschäftige Zentrum der Region und verfügt, im Gegensatz zu den meisten
anderen irischen Städten, über eine ausgedehnte Fußgängerzone. Mangels eines
nennenswerten öffentlichen Nahverkehrs und dank des irischen Wirtschaftsbooms bildet sich jedoch in der
Stadt von morgens bis abends ein permanenter Verkehrsstau.
The Quiet Man
Die letzte Etappe der Tour führt uns nach Cong, ein
völlig unbeutendes, um nicht zu sagen verschlafenens Nest, hätte 1951 John
Wayne hier nicht zusammen mit Maureen O’Hara unter der Regie von John Ford, dessen
Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts aus Spiddle, County Galway, nach Amerika
auswanderten, den Film „The Quiet Man“ (Deutscher Titel: „Der Sieger“) gedreht.
Die Dörfler haben es verstanden, diese Tatsache geschickt zu vermarkten und so
lebt der ganze Ort quasi vom Ruhm vergangener Tage, der im „Quiet Man Museum“,
dem „Quiet Man Café“ und in der nun zum Andenkenladen mutierten „Pat Cohan’s
Bar“ konserviert wurde. Der Film selbst ist eine für John Wayne ganz und gar
untypische Liebesschmonzette, der allein wegen der Landschaftsaufnahmen, die in
der Umgebung gemacht wurden, für den geneigten Betrachter dennoch sehenswert
ist.
Panne
In Cong trennen uns nun noch ungefähr 40 Kilometer von unserem Endziel Castlebar, von wo aus die Rückreise per Reisebus nach Köln erfolgen soll. Fünf Kilometer hinter Ballinrobe ereilt uns dann am vorletzten Reisetag doch noch das Schicksal, das uns bisher weitgehend mit Pannen verschont hatte: Die Nabenschaltung unseres Tandems gab ihren Geist auf! Nichts ließ sich mehr schalten, die Pedalkurbeln waren blockiert. Einzig schieben brachte uns noch vom Fleck. Ersatzteile für eine derart „exotische“ Antriebsart sind in Irland nicht zu bekommen.
Zurück in Ballinrobe naht unter Vermittlung der
dortigen Tourist Information die Rettung in Gestalt des Taxifahrers Timothy
Murphy. Erst wird das Fahrrad in der Garage eines Verwandten untergestellt,
danach werden wir zum von ihm vermittelten Bed &Breakfast-Quartier
chauffiert. Am anderen Morgen bringt er uns dann unter Einsatz eines von einem
Bekannten ausgeliehenen Pkw-Anhänger pünktlich nach Castlebar und läßt es
sich dabei nicht nehmen, unterwegs noch den Fremdenführer zu geben, was in einer
Besichtigung der am Wege liegenden Ballintober Abbey („Pierce Brosnan got
married here!“) im Sauseschritt gipfelte.
Eine dreiviertel Stunde vor der „fahrplanmäßigen“ Zeit
wartete der Bus in der Nähe des Bahnhofs von Castlebar. Schnell waren Tandem
und Ausrüstung im Busanhänger verstaut und los ging’s mit uns als einzigen
Passagieren an Bord. Ein routinierter Fahrer und eine ebensolche Fahrerin wechselten sich turnusmäßig am
Lenkrad ab und sorgten trotz Nachtfahrt durch England für eine stressfreie Rückreise.