
1858 unternahm Theodor Fontane eine Schottlandreise, die ihn mit Eisenbahn, Dampfschiff und Postkutsche in nur zehn Tagen von London aus nach Edinburgh und von dort durch das schottische Hochland an die Ost– und Westküste und wieder zurück führte. Mit der kurzen, aber überaus eindrucksvollen Reise erfüllte sich Fontane einen Jugendtraum. Begleitet wurde er von seinem langjährigen Freund Bernhard von Lepel. Fast 150 Jahre später begaben wir uns im Juni/Juli 2006 rund um den Firth of Forth mit dem Tandem auf Spurensuche.
Stürmische Überfahrt
Von wegen kleine Kreuzfahrt! Der Kapitän der Fähre von Zeebrügge nach Rosyth (Schottland) verordnet uns Stubenarrest. Wegen stürmischen Wetters dürfen die Außendecks nicht betreten werden. Der Verursacher ist ein alter Bekannter von uns: Fast während der gesamten Anreise von Köln zum Fährhafen Zeebrügge hatten wir mit so starkem Gegenwind zu kämpfen, dass unser Zeitplan erheblich ins Wanken geriet. Nur mit Mühe und Not hatten wir noch rechtzeitig die gebuchte Fähre erreicht. Und die kämpfte sich jetzt unter heftigem Schlingern durch die offene Nordsee Richtung Norden. Erst als wir am späten Abend der englischen Küstenlinie folgend unter Land fuhren, beruhigte sich die Lage.
Nach einem ausgedehnten Frühstück am nächsten Morgen dann die Einfahrt in den Firth of Forth: Nach einiger Zeit lässt sich mit Hilfe des Fernglases backbord Edinburgh ausmachen, kurz darauf folgt die Durchfahrt unter den beiden berühmten Forth-Brücken, der Eisenbahnbrücke von 1890 und der Straßenbrücke aus dem Jahr 1965, wobei die Brücke aus dem Jahre 1890 durch ihr außergewöhnliches Design besticht.
Linlithgow
Als erstes Etappenziel steuerten wir den Campingplatz in Linlithgow, etwa 35 Km westlich von Edinburgh, an. An der Bahnstrecke Edinburgh — Glasgow gelegen, ist es ein ideales Basislager sowohl für Ausflüge in die Umgebung als auch nach Edinburgh. Linlithgow ist den geschichtsbewussten Schotten ein Begriff, wurde doch im dortigen Palast am 8. Dezember 1542 Maria Stuart, in Großbritannien als Mary Queen of Scots bekannt, geboren. Der Name Linltihgow ist gälischen Ursprungs und bedeutet „See in der feuchten Senke“ (llyn = See, llaith = feucht, cau = Senke) und bezeichnet genau die Örtlichkeit, an dem seit 1424 die Stewarts mit t dem Bau des Palastes begannen , dessen Ruine heute die Hauptattraktion des Ortes ist und der einen im gleichen Jahr abgebrannten aus Holz konstruierten Vorgängerbau ersetzte. Der Palast diente in erster Linie nicht der Verteidigung, sondern als Lustschloss, in dem sich die Stewarts gerne aufhielten und in großem Stil Hof hielten. Während dieser Zeit, die etwa bis zum Ende des 16. Jahrhunderts dauerte, florierte der Ort Linlithgow. Die Einwohner versorgten den Palast mit jeder Art von Waren und Dienstleistungen. Höflinge wurde von dem Palast angezogen wie Motten vom Licht. Sie ließen sich im Ort nieder, der zeitweise auch die Botschaften der Königreiche von Spanien und Frankreich beherbergte.
Der Palast
Mit Prinz Charles Edward Stewart, auch bekannt als „Bonnie Prince Charlie“, machte zum letzten Mal ein Stewart Zwischenstation
im Palast. Er war auf seinem Weg nach Edinburgh, um die Königswürde für
die Stewarts zu reklamieren. Die Freude währte nur kurz. Im Januar 1746
befand sich Bonnie Prince Charlie auf der Flucht in die Highlands,
dicht gefolgt von seinem Vetter William, Herzog von Cumberland, der ihn
mit einer Armee von 10000 „Rotröcken“ jagte und die eines Abends
nördlich des Palastes biwakierte. Beim Ausmarsch am nächsten Morgen
brach dort ein Feuer aus, das auf den Palast übergriff. Schmelzendes,
heruntertropfendes Blei von der Dacheindeckung verhinderte einen
effektiven Löscheinsatz. So wurde der gesamte Palast ein Raub der
Flammen, genau wie zuvor im Jahre 1424. Er wurde nie wieder aufgebaut
und im Jahr 1853 die Ruine und das umgebende Gelände „Her Majesty’s
Commissioners for Woods and Forests“ überstellt, die später in der
Organisation „Historic Scotland“ aufging, welche heute über 300
historische Stätten in Schottland betreut. Die Palastruine selbst ist
heute in weiten Teilen sehr gut begehbar und mit etwas Phantasie kann
sich der Besucher das Leben bei Hofe gut vorstellen.
Nach Edinburgh mit der Bahn
Von Linlithgow aus erreicht man das Stadtzentrum Edinburghs innerhalb von 20 Minuten mit der Eisenbahn. Das, was den Touristen interessiert, lässt sich in der Stadt selbst gut zu Fuß erkunden und so bleibt das Tandem am Bahnhof von Linlithgow zurück. Die schottische Hauptstadt (436000 Einwohner) empfängt uns mit dem Trubel einer Metropole. Auf der Haupteinkaufsmeile Princes Street herrscht auf dem ausladenden Bürgersteig ein unablässiges Menschengeschiebe während auf der Fahrbahn Doppelstockbusse stetig Menschen ausspucken und wieder aufnehmen.
Princes Street
Die Stadt brummt. Das Kaufhaus „Jenners“, dass den Anspruch erhebt, mit „Harrod’s“ in London in der gleichen Liga zu spielen, entpuppt sich in seinem historischen Ambiente zwar als sehr hübsch, das Angebot hingegen reicht an das von „Harrod’s“ bei weitem nicht heran. Überhaupt finden sich auf Princes Street die üblichen Verdächtigen: Große Ketten wie Marks & Spencer, C&A und Primarks, dazwischen Andenkenläden mit dem unvermeidlichen Touristenramsch und die Fresstempel von McDonald’s und Pizza Hut. Flair verleiht der Strasse indes ihre Lage. Von hier aus schweift der Blick über den Park hoch zum Burgberg und zur Altstadt hin.
Royal Mile
Zu den markantesten Punkten der Stadt zählt Edinburgh Castle, das den Anfang der Royal Mile (High Street und Canongate) bildet, die an der St. Giles Cathedral (geweiht dem Stadtheiligen Ägidius von St. Gilles) vorbeiführt und beim Palace of Holyroodhouse endet, dem gegenüber sich auch der moderne Bau des schottischen Parlaments befindet. Eine Besonderheit sind die kleinen Gassen, Stiegen und Hinterhöfe, die sich Fischgrätmuster entlang von High Street und Canongate öffnen und Closes, Courts oder Wynds genannt werden. Während Holyroodhouse (s. nebenstehendes Foto) noch heute der Queen als Residenz dient, wenn sie in Schottland weilt, so ist Edinburgh Castle heute vor allem eine Touristenattraktion.
Edinburgh Castle
Auf einem längst erloschenen Vulkan erbaut, war die sich seit dem 7. Jahrhundert an dieser Stelle befindende Burg als Dùn Èideann (Eitins Festung) namensgebend für die Stadt. Auf dem höchsten Punkt des Burgberges befindet sich das heute älteste Gebäude Edinburghs: St. Margaret’s Chapel aus dem Jahre 1093. Von hier oben hat man eine ungehinderte Rundumsicht über die Stadt, ein Umstand, den auch die Militärs immer zu schätzen wussten.
Jeden Tag, außer sonntags, wird um Punkt 13.00 Uhr vom Burgberg aus eine Kanone abgeschossen, damit jedermann seine Uhr exakt einstellen kann. Was heute zur Gaudi der Touristen geschieht, war Mitte des 19. Jahrhunderts, als man unsere modernen Kommunikationsmittel noch nicht kannte, erforderlich, um eine Standardzeit zu gewährleisten. Eine Notwendigkeit, die sich aus dem wachsenden Eisenbahnverkehr jener Zeit ergab. Aber die auf jährlich eine Million geschätzten Besucher der Burg kommen nicht nur wegen des Kanonendonners. In den „Royal Apartments“ kann man nachspüren, wie Königs so lebten und auch das winzige Zimmer besichtigen, in dem Maria Stuart ihren Sohn Jakob gebar, der als Jakob VI. von Schottland und Jakob I. von England als erster über ein Vereinigtes Königreich regieren sollte. Höhepunkt der Besichtigungstour ist die Schatzkammer, in der die schottische Krone, das Zepter und das Staatsschwert aufbewahrt werden – Jahrhunderte lang die Insignien der Macht der schottischen Regenten.
Zwei Tage reichen natürlich bei weitem nicht aus, um auch nur annähernd alle Sehenswürdigkeiten von Edinburgh zu besuchen. Der Reiseplan verlangt jedoch, Abschied zu nehmen und so machen wir uns von Linlithgow aus zu unserem nächsten Etappenziel Stirling auf.
Am Union Canal
Aufmerksam geworden durch ein unscheinbares Hinweisschild in Linlithgow auf das alte Kanalbett des Union Canal, gingen wir dem Hinweis nach und fanden ein erstklassiges Freizeitgewässer, dessen ehemalige Treidelpfade zu einem Rad- und Fußweg ausgebaut worden waren!
Ohne Steigungen verläuft die Route entlang des Union Canals und erlaubt immer wieder atemberaubende Ausblicke in die hügelige Landschaft.
1818-1822 fertiggestellt, diente der Union Canal, der über eine Länge von
50 Km von Edinburgh nach Falkirk führt und dort Anschluss an den Forth and Clyde Canal von Falkirk nach Glasgow hatte, dem Transport von Kohle. Nur knapp zwanzig Jahre nach seiner Inbetriebnahme machte ihn der Siegeszug der Eisenbahn mehr und mehr überflüssig. Kein Wunder, dass Theodor Fontane ihn mit keinem Wort erwähnt. Die kommerzielle Schifffahrt wurde 1930 endgültig eingestellt. Der Kanal fiel in einen Dornröschenschlaf, aus dem er erst zur Jahrtausendwende wachgeküsst wurde, als man das hohe Freizeitpotential erkannte.
Steigungsfreie Route
Für den Radler ergibt sich hier die Möglichkeit, steigungsfrei von Edinburgh nach Glasgow und weiter zum Loch Lomond zu fahren. Ohne Steigungen verläuft die Route entlang des Union Canals und erlaubt immer wieder atemberaubende Ausblicke in die hügelige Landschaft. Wir folgten dem Kanal bis Falkirk. Auf diesem kurzen Stück von ca. 30 Km wartet die Strecke nicht nur mit Naturgenuss pur, sondern auch mit einigen Zeugnissen früherer und heutiger britischer Ingenieurskunst auf. Das Kanalbauwerk selbst fügt sich in 73m Meereshöhe in die Konturen der umgebenden Hügellandschaft ein und macht so Schleusen überflüssig. Wenige Kilometer hinter Linlithgow überquert der Kanal in einem knapp 30m hohen und 270 m langen Aquädukt, dem zweitlängsten in Großbritannien, den Fluss Avon und beschreibt dabei eine leichte Kurve.
Ein paar Meilen weiter wartet der Kanal mit einem weiteren technischen Highlight auf: einem 610m langen Tunnel! Das Fahrrad schiebend passieren wir ihn auf glitschigem Pfad. Zum Glück ist der Fußweg vom Kanalbett durch ein Geländer abgetrennt, man müsste sonst in der schummrigen Beleuchtung befürchten, durch einen Fehltritt ein unfreiwilliges Bad zu nehmen. Vom Ende des Tunnels sind es noch gut zwei Meilen bis zum Ende des Kanals.
Falkirk Wheel
Da der Kanal in seinem Verlauf ohne Schleusen erbaut wurde, musste ein Weg gefunden werden, ihn an seinem Ende bei Falkirk auf das ca. 33m tiefere Niveau des anschließenden Forth-and-Clyde-Canal herunterzubringen. Die Lösung waren 11 treppenartig angelegte Schleusen, die sich über ca. 800m Länge erstreckten. Leider wurde diese Konstruktion in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts abgebaut und zugeschüttet. Damit die Freizeitkapitäne trotzdem nicht den Anschluss verlieren, ersannen schottische Ingenieure ein einzigartiges Schiffshebewerk, das „Falkirk Wheel“. Es ist das einzige Schiffshebewerk der Welt, das den Höhenunterschied durch radiale Rotation zweier großer Wannen bewältigt. Hier verlassen wir den Kanal und radeln weiter nach Stirling.
Stirling
Hoch
über der Altstadt thront auf Castle Hill, einem Felsen vulkanischen Ursprungs,
Stirling Castle. Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage im Tal des Forth,
spielte es eine wichtige Rolle in der Geschichte Schottlands. Von der Höhe des
Burgberges aus lässt sich das gesamte Forthtal überblicken und lassen sich die Zugänge zu
den dahinter beginnenden Highlands kontrollieren.
Stirling
Castle wurde im Verlauf der Geschichte 16 mal angegriffen oder belagert. Von
ca. 1100 bis 1685 war Stirling Castle die Hauptresidenz der schottischen
Könige. Der königliche Palast m Zentrum der Anlage wurde zwischen 1537 und 1543
in einer Kombination aus Renaissance und Spätgotik erbaut. Diemeisten andren
Gebäude stammen aus der Zeit zwischen 1496 und 1583. Die Existenz der
Schlosskapelle wird bereits für das Jahr 1110 bezeugt. Sie ist damit nur
unwesentlich jünger als St. Margaret’s Chapel auf Burg Edinburgh. Stirling
Castle ist heute ein nationales Denkmal unter der Verwaltung der staatlichen
Denkmalschutzbehörde Historic Scotland.
Wallace Monument
Stirling weist neben dem Schloss noch eine weitere Attraktion auf, von der Theodor Fontane nichts wissen konnte. Angefacht von den Romanen seines Dichterkollegen Sir Walter Scott, reifte bereits in den 1830er Jahren die Idee zu einem Monument für die schottischen Nationalhelden heran. Eine Gruppe seinerzeit prominenter Schotten bildete ein „National Monument Commitee“, aber erst 1863 erfolgte die Grundsteinlegung. Nach Querelen unter den Komiteemitgliedern und Schwierigkeiten bei der Finanzierung war das Denkmal schließlich 1869 fertiggestellt. Überragt das Schloss auf seinem Felsen das Weichbild der Stadt, so überragt das Denkmal für William Wallace hoch auf dem Abbey Craig die Talsohle, in der der Forth mäandriert.
Braveheart
Dessen Taten verherrlichte der australische Schauspieler und Regisseur Mel Gibson 1996 in dem Film „Braveheart“ und setzte ihm damit auch ein cineastisches Denkmal. Neben dem in einer Dauerschleife gespielten Film und dem unvermeidbaren Andenkenladen stellt das Museum im Erdgeschoss des Denkmals vor allem das „Braveheart“ zugeordnete Breitschwert aus. Obwohl in der „Hall of Heroes“ auch anderer berühmter Schotten wie etwa James Watt (1736-1819, Erfinder der Dampfmaschine), Adam Smith (1723-1790, Philosoph und Ökonom) oder William Ewart Gladstone (1809–1898, Politiker und britischer Premierminister) gedacht wird ,ist das Denkmal hauptsächlich William Wallace (1270-1305, schottischer Freiheitsheld) gewidmet, der 1297 in der Schlacht von Stirling das englische Heer unter Führung von König Edward I schlug, ein Jahr später aber bei der Schlacht von Falkirk unterlag.
Die Universitätsstadt Stirling liegt in einem weiten Talkessel am westlichen Ende des Firth of Forth und hat ca. 40000 Einwohner. Sie fungiert für die Umgegend als Verwaltungs– und Dienstleistungszentrum und verfügt über ein überdachtes weitläufiges Einkaufszentrum, dass man in einem Städtchen dieser Größe nicht vermuten würde. Hier entledigten wir uns nach und nach etlicher Pfunde, ohne allerdings an Gewicht zu verlieren....
Reiseinfos
Für unsere Reise nutzten wir im Juni 2006 die direkte Fährverbindung von Zeebrügge nach Rosyth. Wir reisten mit dem Fahrrad dorthin an und nahmen für die Rückfahrt die belgische Eisenbahnverbindung von Oostende nach Eupen. Von dort sind es bis zum Aachener Hauptbahnhof nur 18 Km. Eine direkte Bahnverbindung von der belgischen Küste nach Köln existiert leider nicht mehr. Die belgische Bahn transportiert in ihren Intercity-Zügen maximal zwei Fahrräder. Obwohl sie im Internet ausdrücklich dafür wirbt, ist der Transport von Tandems, Anhängern oder eben mehr als zwei Fahrrädern Verhandlungssache und vor Ort vom Wohlwollen des Zugpersonals abhängig. Wir mussten bei dieser Reise, genau wie auch bei vorherigen, zuvor Diskussionen mit dem Zugführer führen. Letztendlich ließ man uns dann doch unser Reisegefährt verladen.
Schottische Fernzüge nehmen nach vorheriger Reservierung Fahrräder kostenlos mit, aber keine Anhänger und keine Tandems. In den Triebwagenzügen der schottischen Eisenbahngesellschaften , die den Nahverkehr durchführen, finden sich maximal zwei Fahrradstellplätze pro Triebwageneinheit. Eine Reservierung ist nicht möglich. Alltagsradeln ist auf den Britischen Inseln kaum verbreitet. Es gibt aber ein Netz von ca. 15.000 Km Fernradwegen, dass vom National Cycle Network (NCN) entwickelt und unterhalten wird. Meist führen diese Routen durch landschaftlich schöne Gebiete, sind aber nicht mit dem bei uns gewohnten Standard vergleichbar. Fahrradläden sind relativ selten und befinden sich nicht auf dem bei uns gewohnten Niveau, vor allem nicht, was Werkstattleistungen angeht.
Weitere Informationen:
Fähre:www.superfast.com
Eisenbahngesellschaften:
Reiseland Schottland: