
Eine wildromantische Natur, ein weitgehend noch ungezähmter Fluss, stille Dörfer, lebhafte Städtchen, mondäne Kurbäder und Weinberge: Aus diesen Zutaten ist die Naheregion geformt. Der Naheradweg führt mitten hindurch. Vom Massentourismus ist die Region völlig unbeleckt und quasi ein Geheimtipp. Wir bereisten die Gegend vom 6. bis zum 8. August 2007.
Jeder fängt mal klein an
Auf 460m über N.N. beginnt die Nahe bei dem kleinen Ort Selbach im Naturpark Saar - Hunsrück ihre 112 km lange Reise nach Bingerbrück, wo sie in den Rhein mündet. 112 km - nicht gerade viel! Aber die Route hat‘s in sich. Wer denkt, der Begriff „Naheradweg“ bedeute, dass man sich auf einem der klassischen Flussradwege bewegt, der hat weit gefehlt. Sehr häufig verlässt die Strecke den Flusslauf und führt den Radler in dichte Wälder und über steile Anstiege und ebenso steile Abfahrten. Als Entschädigung für derlei Mühsal winken grandiose Aussichten und eine wilde Natur.
Foto: Nahequelle bei Selbach
Bergauf und bergab
Als erstes Etappenziel steuern wir die Kreisstadt Birkenfeld an. Von pulsierendem Leben eines Verwaltungszentrums keine Spur! Beschaulich vollzieht sich das Leben in der kleinen Fußgängerzone, die um die Mittagszeit fast wie ausgestorben wirkt. Ein kurzer Rundgang genügt, um festzustellen, dass die Musik wohl woanders spielt. Also weiter nach Idar-Oberstein. Wieder geht‘s bergauf und bergab, diesmal aber auf asphaltierten Wegen - durch das stille Tal des Hambachs, eines Zuflusses der Nahe, über Hammerstein bis nach Enzweiler. Hier wartet der „Lucien-van-Impe-Stieg“ , benannt - wie passend! - nach einem mehrfachen Bergetappensieger der Tour de France, als letzte große Herausforderung auf den Radfahrer. Schiebend überwinden wir den steilen Anstieg und genießen, oben angekommen, einen atemberaubenden Blick auf Idar-Oberstein.
Idar-Oberstein
Steil geht es hinunter in die Stadt. Abwechselnd heißt es die Vorderrad– und die beiden Hinterradbremsen zu betätigen, um das mit Mann und Maus gut 250 kg schwere Tandem unter Kontrolle zu halten.
Am Bahnhof vorbei erreichen wir die Fußgängerzone. Hier ist Leben auf der Straße. Idar-Oberstein, berühmt für seine Edelsteinschleifereien, zieht Touristen von nah und fern in seinen Bann.
Der Besucher hat die Qual der Wahl: Ein Schmuckgeschäft reiht sich an das nächste und über allem thront die Felsenkirche.
Sie wurde in den Jahren 1482 bis 1484 von Wirich IV. von Daun-Oberstein als Sühne für einen von ihm begangenen Brudermord erbaut.
Die Herren von Daun-Oberstein residierten auf einem Felsen hoch über dem Nahetal im Schloss Oberstein, heute eine teilweise wieder hergerichtete Ruine.
Wer den Aufstieg nicht scheut, wird mit einem Panoramablick über den Talkessel von Oberstein belohnt - nur die Nahe, die sieht man nicht.
Wohl kaum eine Stadt hat dem Götzen Automobil so nachhaltig geopfert wie
Idar-Oberstein: In den Jahren 1980-86 wurde der mitten durch die Stadt führende Flusslauf der Nahe mit einer vierspurigen Straße überdeckelt, und statt dem Murmeln des Wassers erfüllt nun das Brausen des Verkehrs die Luft.
Der Stadtkern ist weithin eine Reminiszenz an die „autogerechte Stadt“. Es wimmelt von Parkflächen und -häusern sowie Tiefgaragen. Vernünftige Abstellmöglichkeiten für Fahrräder sucht man hingegen vergebens.
Kirner Bier
Ein flaches Teilstück des Radweges bringt uns nach Kirn. Die frühere Metropole der Lederindustrie strahlt heute vor allem Ruhe und Beschaulichkeit aus.
Dennoch ist ihr Name in der Region in aller Munde: Kirner Bier, ein erstaunlich süffiges Pils, scheint das bevorzugte Getränk der Einheimischen zu sein - jedenfalls gibt es kein Lokal in der Gegend, das nicht „Kirner Bier“ im Schilde führte.
Wir radeln weiter nach Bad Sobernheim. „Geruhsam“ ist auch hier das richtige Attribut, das Leben zu beschreiben.
Barfußpfad
Die eigentliche Attraktion des Ortes ist der Barfußpfad. Direkt an der Nahe haben die Stadtväter hier einen Parcours anlegen lassen, wo man auf „bläcke Fööss“ die unterschiedlichsten Untergründe begehen und so sinnliche Erfahrungen machen kann, die uns im Alltag längst abhanden gekommen sind. Die Clous sind das Durchwaten eines mit Lehm gefüllten Troges und die Durchquerung der Nahe in einer eigens hierfür angelegten Furt.
Wurden die Initiatoren des Barfußpfades anfangs noch belächelt, so findet das Konzept nun auch anderswo in Deutschland Nachahmer - und der Andrang am Sonntagnachmittag unseres Besuches gibt ihnen Recht.
Nach einem steilen Aufstieg in die Weinberge und einer rasanten Abfahrt erreichen wir Bad Münster am Stein, das romantisch am Zusammenfluss von Nahe und Alsenz liegt. Im Kurpark vermitteln die Gradierwerke der Salinen einen Hauch von Seeluft.
Mondän, mondän...
Unser eigentliches Ziel aber ist das sechs Kilometer naheabwärts gelegene Bad Kreuznach.
Der Weg in den Stadtkern führt durch kilometerlange Kuranlagen. Alles wirkt sehr gepflegt. Dezente Schilder verraten, dass sich hinter den Türen so mancher Villa eine Kurklinik verbirgt.
Angemessen gekleidete Kurgäste bevölkern die Grünanlagen oder sitzen in den Cafés der Altstadt. Für das alles gibt es nur einen Ausdruck: mondän!
Berühmt ist Bad Kreuznach aber auch für seine Brückenhäuser.
Die um 1300 erbaute Steinbrücke über die Nahe und die darauf errichteten Häuser waren Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung.
In den Brückpfeilern waren Schießkammern eingerichtet.
Und tschüss!
Der weitere Verlauf des Radweges nach Bingen führt nun über leichte Steigungen durch ein weites, mit Weinreben bewachsenes Tal.
Bingen ist das Verkehrsdrehkreuz am Ende des mittleren Rheintals und man will hier nur eines: Schnell weg!
Die Nahe macht‘s genauso: Unspektakulär vereinigt Sie ihre Wasser mit denen des Rheins und macht sich mit ihnen davon. ■
Die Aufenthaltsdauer an der Nahe ist variabel: Je nach Lust und Laune kann man den Naheradweg in zwei Tagen oder auch in einer Woche absolvieren. Eines wird es auf jeden Fall nie: Langweilig!
Anreise: Per Bahn über Trier und Saarbrücken nach Türkismühle (2 Umstiege)
Abreise: Per Bahn von Bingen über Koblenz nach Köln (1 Umstieg)