
In Köln haben die Unfälle mit Radfahrerbeteiligung stark zugenommen, eine Situation, die der Kölner Polizei zunehmend Sorge bereitet. Für FahrRad! sprach Erich Koprowski mit dem Leiter der Direktion Verkehrsunfallbekämpfung,
Polizeidirektor Helmut Simon (53) über präventive und repressive Polizeimaßnahmen, Rotlichtsünder, Geisterradler und Trunkenheit am Lenker.
„Jeder Verunglückte ist einer zu viel!"
FahrRad!: Herr Simon, zu welchen Gelegenheiten fahren Sie Fahrrad?
Helmut Simon: Ich fahre sehr gerne Fahrrad. Leider sind die topographischen Gegebenheiten an meinem Wohnort im Bergischen nicht ideal. Bei schönem Wetter werden die Straßen dort außerdem stark von Motorrädern frequentiert. Hauptsächlich fahre ich im Urlaub, den ich mit meiner Familie meistens an der Nordsee verbringe, Fahrrad. Aber auch schon mal in Köln - allerdings nur am Rheinufer.
FahrRad!: Wie war Ihr Werdegang bei der Polizei?
Simon: Ich habe 1974 in Köln als Kriminalbeamter angefangen und zehn Jahre lang bei der Personenfahndung, in Mordkommissionen und beim Raub-kommissariat gearbeitet. Nach einem Jahr in Bergisch Gladbach bin ich in den höheren Dienst aufgestiegen und habe danach beim Landeskriminalamt sieben Jahre lang das Dezernat Terrorismus-bekämpfung operativ geleitet. Anschließend habe ich zur Autobahnpolizei gewechselt, die ich ebenfalls sieben Jahre lang führte. Von der Auto-bahnpolizei wechselte ich dann zurück zur Polizei Köln, um die neue Direktion Verkehrsunfallbekämpfung mit aufzubauen und zu leiten.
FahrRad!: Was sind die Aufgaben Ihrer Dienststelle?
Simon: Unsere Direktion wurde am 1. Juli 2004 neu eingerichtet und hat die Aufgabe, die Verkehrsunfälle in Köln zu bekämpfen mit dem Schwerpunkt der Reduzierung der Unfälle mit Verletzten. Wir sind dabei für das gesamte Verkehrsgeschehen in Köln zuständig. Radfahrer haben in Köln einen hohen Anteil daran und so sind wir besonders daran interessiert, Unfälle mit Radfahrerbeteiligung zu verhindern. In meiner Direktion sind 160 Mitarbeiter damit beschäftigt, Unfälle zu erfassen und auszuwerten, präventive Aktionen und Kontrollen zu planen und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen des Wachdienstes umzusetzen.
FahrRad!: Wie haben sich denn die Unfallzahlen mit Radfahrerbeteiligung entwickelt?
Simon: Ausgehend vom Jahr 2001 sind bis zum Jahr 2005 die Unfälle mit Radfahrerbeteiligung um 17 Prozent gestiegen. Und wenn man gleichzeitig sieht, dass, bis auf die Unfälle mit Senioren, alle anderen Unfallzahlen rückläufig sind, dann haben wir hier doch ein Problem, und das macht uns Sorge. Wir hatten im Jahr 2005 fünf Unfälle mit Radfahrerbeteiligung, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind, drei Radfahrer und zwei Fußgänger. Insgesamt sind im letzten Jahr 1383 Radfahrer in Köln verunglückt, davon waren knapp 200 Schwerverletzte. Das ist eine sehr hohe Zahl und jeder einzelne Verunglückte ist einer zu viel.
FahrRad!: Welche Erkenntnisse haben Sie über die Unfallursachen?
Simon: In etwa der Hälfte der Fälle setzen andere Verkehrsteilnehmer die Ursachen, etwa der Pkw–Fahrer, der die Vorfahrt des Radlers missachtet, bei der anderen Hälfte setzen Radfahrer die Ursachen selbst. Häufigste Gründe sind hierbei das Missachten von Rotlicht und das Fahren auf Radwegen gegen die Fahrtrichtung. In der Herbst- und Winterzeit stellen wir außerdem auch häufig fest, das verunglückte Radfahrer ohne Beleuchtung unterwegs waren und zudem auch noch dunkel gekleidet waren.
FahrRad!: Es soll ja neuerdings auch zunehmend Probleme mit alkoholisierten Radfahrern geben?
Simon: Wir haben im letzten Jahr das Phänomen entdeckt, dass in Köln ca. 30 Prozent aller Unfälle unter Alkoholeinfluss von Radfahrern verursacht werden. Die Leute fahren im Sommer beispielsweise abends mit dem Rad zum Biergarten und begeben sich anschließend alkoholisiert auf den Heimweg. Den wenigsten ist wohl bewusst, dass sie im Falle einer Unfallbeteiligung genau so behandelt werden wie ein Pkw Fahrer. Das heißt, ab 0,3 Promille beginnt die Mithaftung. Ohne Unfallbeteiligung liegt die Grenze für Radfahrer bei 1,6 Promille. Das ist ein sehr hoher Wert. Ich warne aber davor, sich an diese Grenze heranzutrinken. Verursacht der Radfahrer mit einem derart hohen Alkoholspiegel einen Unfall, kann das für ihn neben den Strafen auch den wirtschaftlichen Ruin bedeuten, wenn ihn beispielsweise seine Haftpflichtversicherung für den entstandenen Schaden in Regress nimmt, vom Leid, dass alle Unfallbeteiligen erfahren, einmal ganz abgesehen. Wir werden im kommenden Sommer daher auch Alkoholkontrollen gezielt bei Radfahrern durchführen, die wir, wie alle anderen Kontrollen auch, vorher ankündigen werden.
FahrRad!: Gibt es bei der Art der Unfälle Schwerpunkte oder Häufungen?
Simon: Der Bereich um den Neumarkt war mit zwölf Unfällen im vergangenen Jahr sehr auffällig, ebenso der Bereich an der Universitätsstraße / Gyrrhofstraße / Luxemburger Straße mit fünfzehn Unfällen. Dort machen wir jetzt regelmäßig Kontrollen. Als neuer Schwerpunkt hat sich die Frankfurter Straße im Bereich der Kreuzung mit der Olpener Str. mit vier Unfällen im Jahr 2005 herausgestellt. Den Unfallschwerpunkt Aachener Str. / Piusstr. hingegen konnten wir – insbesondere auch durch unsere gemeinsame Aktion – deutlich entschärfen.
FahrRad!: Obwohl die Kreuzung Olpener / Frankfurter Str. doch mit Ampeln und einer guten Radwegsführung ausgestattet ist…
Simon: Ja, aber das Rotlicht wird dort häufig missachtet.
FahrRad!: Vielleicht erscheint manchem Radler die Wartezeit auf „Grün“ zu lang.
Simon: Ja, und die Leute fahren dann bei „Rot“. Aber auch bei anscheinend freier Fahrbahn kann ich davor nur ganz dringend warnen!
FahrRad!: Gibt es eine spezielle Anlaufstelle bei der Polizei analog dem Fahrradbeauftragten bei der Stadt, wo der Bürger Hinweise in puncto Radverkehr bekommen oder z.B. um Überprüfung bestimmter Straßenabschnitte bitten kann?
Simon: Ja, wir haben das Verkehrskommissariat 2, das sich mit der Prävention von Unfällen befasst. Unter der Telefonnummer 0221 / 229-6205 kann man sein Anliegen vorbringen – oder über die Internetseite der Polizei Köln www.polizei-koeln.de .
FahrRad!: Wird es auch in diesem Jahr Schwerpunktaktionen wie z.B. "Herbstlicht" oder "Wintercheck" geben?
Simon: Nein, wir haben für dieses Jahr ein Gesamtkonzept erarbeitet, die Sicherheitsoffensive 2006. Diese hat drei Standbeine: Erstens werden wir Präsenz zeigen – an neuralgischen Punkten werden wir jeden Tag stehen – und kontrollieren. Bekannte Gefährder, die schon einmal durch aggressives Verhalten aufgefallen sind, werden wir dabei gezielt ansprechen, um sie von weiteren Aggressivitäten abzuhalten. Zweitens arbeiten wir an der Qualitätsverbesserung unserer Arbeit. Das heißt, dass zum Beispiel Anzeigen, die gefertigt werden, inhaltlich noch intensiver bearbeitet werden. Das dritte Standbein ist die Gewinnung von Vertrauen und dabei ist es uns ganz wichtig, mit Partnern wie dem ADFC zusammenzuarbeiten. Wir wollen ein Netzwerk schaffen, von dem der Bürger weiß, dass hier seine Anliegen ernst genommen werden und an das er sich wenden kann. Konkret werden wir im April mit den intensiven Fahrradmaßnahmen anfangen, die wir vorher in der Presse, im WDR und auf unserer Internetseite ankündigen. Es geht also nicht um heimtückische Kontrollen, sondern um einen Sicherheitsgewinn für alle Verkehrsteilnehmer. Genauso intensiv werden wir nämlich auch gegen Geschwindigkeitsverstöße von Autofahrern – eine der Unfallursachen – vorgehen. Aber auch diejenigen, die mit ihren Autos Radwege zuparken, werden wir in Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften der Stadt konsequent verfolgen. Ein weiterer Schwerpunkt in diesem Jahr wird aber auch das Thema Fahrraddiebstahl sein. Wir werden bei Kontrollen verstärkt darauf achten, ob der kontrollierte Radfahrer auch tatsächlich der rechtmäßige Besitzer seines Fahrrades ist. Hierzu werden künftig auch Kollegen der Direktion Kriminalitätsbekämpfung in den Expertenkreis „Velo 2010“ eingeladen.
FahrRad!: Welche Bedeutung messen Sie der Arbeit der "Expertenrunde Velo 2010" bei?
Simon: Wir sind die Initiatoren dieser Runde, weil wir erkannt haben, dass wir als Polizei allein die Probleme nicht lösen können. Da müssen alle mit ins Boot: die Stadt, die Fahrradverbände, die Verkehrswacht, die Seniorenvertretung, der AStA, aber auch Fahrradhändler, also alle, die mit dem Thema Radfahren zu tun haben und ihren Sachverstand in die Arbeit der Runde einbringen können. Wir messen dieser Runde eine sehr hohe Bedeutung bei, sind uns aber bewusst, dass wir keine schnellen Erfolge haben werden. Es werden viele neue Ideen geboren werden, wie man vor allem präventiv wirkungsvoll tätig werden kann. Wir bauen auf gegenseitiges Vertrauen und die gemeinsame Verfolgung des Ziels, die Unfallzahlen um mindestens 30 Prozent bis zum Jahr 2010 zu senken.
FahrRad!: Herr Simon, vielen Dank für das Gespräch.